Samtosha, Samtosha …

Als ich das erste Mal nach der Geburt meiner Tochter in einer Yogaklasse war – keiner Online-Stunde auf yogaeasy, keiner Eigenpraxis im Wohnzimmer, und auch keiner Mama-Baby-Yoga-Stunde, sondern einer für Erwachsene mit richtigen echten Schülern und einer richtigen Yogalehrerin, die mich anfassen konnte –, hab ich gedacht: „Ach, wie schön. Ich bin wieder da. Ich komme wieder öfter. Es geht wieder los.“ Und dann zogen doch vier Wochen ins Land, bis ich es wieder schaffte. Meine kindfreien Stunden gingen anders drauf, entweder musste ich selbst Yoga unterrichten oder sonst irgendetwas vorbereiten oder organisieren. Die Zeit fliegt so dahin.

Meine Tochter kann jetzt schon sitzen, sich drehen, fast schon krabbeln – zumindest rückwärts geht es ganz gut. Und ich falle im Handstand immer noch um. Sechs Monate Post-Schwangerschaft sind nicht genug gewesen, um mich wieder zu alter Form auflaufen zu lassen. Meine Yogapraxis ist immer noch nicht da, wo ich sie gerne wieder hätte.

Vor meiner Schwangerschaft war ich mindestens fünf Mal in der Woche im Yogaunterricht. An den anderen Tagen übte ich zuhause. Als Mama habe ich trotzdem den Eindruck, Yoga täglich zu üben. Man braucht nicht immer Asanas und schweißtreibenden Yogaunterricht, um Yoga zu üben. Es gibt Tage, an denen scheitere ich kläglich. Und andere, da gelingt es mir ganz gut, umzusetzen, was ich von Yoga gelernt habe. Ich glaube, dass meine neue Rolle mir fast mehr „Yogamomente“ beschert als mein vorheriges Leben.

Tine_Yogacentralen

Zum einen erinnert so ein kleiner Mensch einen ständig daran, was wirklich wichtig ist. Das klingt so abgedroschen, ich weiß. Aber es ist doch so wahr. Babys und Kinder sind so einfach glücklich zu machen. Es braucht nicht viel, um sie zum Lachen zu bringen. Es braucht nicht viel, um sie zu begeistern. Es braucht nicht viel, um am Abend den Eindruck entstehen zu lassen, dass meine Tochter heute einen richtig guten Tag gehabt hat. Das ist Yoga. Zu erkennen, dass wir nicht viel brauchen, um rundum zufrieden zu sein. Diese Leichtigkeit, die Kinder haben, und die uns Erwachsenen auf dem Weg zum Erwachsenwerden irgendwann leider zumindest in Teilen abhanden kommt … Sie wieder zu entdecken, das ist Yoga. Festzustellen, wie dankbar wir eigentlich sein dürfen. Unser Kind ist gesund – wie großartig ist das überhaupt?

Sie ist unheimlich gut drauf, so lange ihr kein Furz quersteckt. Wie schön so etwas ist! Wie vernünftig! Wie bescheiden! Und wie unvernünftig Mamas dagegen manchmal sein können. Wie sehr ich immer noch meinen alten Körper vermisse und es mich ärgert, dass ich jetzt nicht mehr so viel Sport mache. Das kommt bestimmt wieder, ich weiß das und muss mich nur in Geduld üben. Aber ja Geduld, das ist ja so ein Ding. Ich bin bestimmt schon viel besser darin geworden, geduldig zu sein, als ich das früher war aber immer noch nicht geduldig genug. Mein Lieblings-Niyama ist Samtosha. Es heißt so viel wie, zu akzeptieren, was gerade ist. Zufrieden zu sein, mit dem was ist oder wie man ist. Wenn ich mit meiner Tochter spiele, oder zusammen mit meinem Mann und ihr Spaziergänge mache, dann fällt mir ein, dass alles okay ist. Ehrlich gesagt, ist es sogar besser als okay. Ich habe sogar ständig diese Momente der Erleuchtung. Wirklich! Erleuchtung – was ist das überhaupt? Meiner Meinung nach ist das, totale Glücksmomente bewusst wahrzunehmen. Das klappt häufig zusammen mit so einem kleinen Lebewesen. Ich lerne ganz schön viel. Keine neuen Asanas im Moment, aber anderes Yoga. Das ist spannend, manchmal sehr anstrengend, manchmal sehr stimmungshebend, überraschend und inspirierend. Wie eine gute Yogaklasse eben.

 

 

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1 Comment On This Topic
  1. steffi schopfer
    on Mai 26th at 11:55 am

    Tiinchen, das hört sich wunderbar an. das leben lebt in allen fassaden, nur wahrnehmen müssen wirs :) hab vor kurzem auch mit yoga angefangen. liebe umarmung aus thun


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